Mittwoch, 4. Juli 2018

Sayaka Murata - Die Ladenhüterin

Meine Wertung: ★★★★★ 5/5

Autor: Sayaka Murata 村田沙耶香
Übersetzer: Ursula Gräfe

Titel: Die Ladenhüterin

OT: コンビニ人間

Verlag: Aufbau

ISBN: 978-3-351-03703-1

Deutsche Erstausgabe 2018

Seiten: 144

Einband: Taschenbuch

Genre: Roman

Dazu passt: Hiromi Kawakami / Banana Yoshimoto



"Absurd, komisch, klug, mutig
und präzise. Einfach überwältigend."
– Hiromi Kawakami

Als ich Fachbücher bei Exlibris bestellt hatte, erschien da eine Empfehlung für mich, basiernd auf meinen Interessen. Exlibris' Algorhytmus schlug mir dieses wunderbare Werk vor. Etwas misstrauisch habe ich es dann bestellt und heute in einem Zug durchgelesen.
Keiko Furukas Kindheit brachte Erinnerungen an die meine an die Oberfläche. Sonderbar. Verstörend. Ich erinnere mich, wie ich damals in der Primarschule meine Kartonschreibunterlage mit einem Friedhof verziert hatte. Alle malten bunte Sachen. Ich zeichnete einen Friedhof, auf dem es für jedes Kind in der Klasse ein Grab mit hübschem Grabschmuck gab. Ich verstand damals nicht, wieso die Reaktionen von erschüttert bis hin zu völligem Unverständnis gingen. Weiter verstand ich auch nciht, wieso die Lehrerin meine Eltern anrief und zu einem Gespräch bat. Es war doch nur ein Friedhof - und er war gut gezeichnet.
Weitere Eigenheiten von Keikos Person, gleichen meinen. Eine Figur mit der ich mich zum grossen Teil identifizieren kann.

Eine kurze Geschichte über Selbsterkenntnis und die wichtigen Dinge des Lebens.

In einem Satz

Keiko Furuka arbeitet mit Leib und Seele als Konbini-Angestellte, schlitert aufgrund der Gesellschaft in eine Wesenskrise und gelangt letztendlich zur Erkenntnis ihrer Bestimmung.

Empfehle ich dieses Buch? Wieso?

はい!勿論ですよ!
Ja! Selbstverständlich!
Ein Grund ist sicherlich, dass Ursula Gräfe dieses Werk übersetzt hat. Bislang habe ich keine adäquateren Übersetzungen gelesen denn die ihren. Gräfe versteht ihr Handwerk. Sie übersetzt nicht Wort für Wort, sondern fängt die ganze Stimmung Japans ein und macht diese dem deutschen Leser zugänglich.
In diesem Buch geht es um eine Aussenseiterin. Eine introvertierte Frau, die mir in vielerlei Hinsicht gleicht. Schon als Kind war sie sonderbar. Hatte für Vieles, was für die Meisten selbstverständlich ist, kein Verständnis. Eine Frau, die ihrem Job in einem Convenience Store voller Hingabe und Leidenschaft nachgeht. Seit nunmehr 18 Jahren übt sie diese Arbeit unnachlässig aus. Sie war bei der Eröffnung schon anwesend und hat viel an Veränderung und viele Filialleiter miterlebt. Um in der Gesellschaft akzeptiert zu werden verleugnet sie sich. Eine 36 Jahre alte Frau, die Teilzeit in einem Konbini arbeitet, keine Kinder hat und nicht verheiratet ist, ist in der Gesellschaft nicht angesehen. So erzählt sie kleine Notlügen, um Akzeptanz anzutreffen und lästige Fragen umgehen zu können.
Eines Tages lernt sie Shihara kennen, der im Konibini anfängt. Shihara entpuppt sich als Stalker und doch lässt Keiko den Schnorrer, der dann arbeitslos ist, bei sich wohnen und nimmt es hin, von ihm herumkommandiert zu werden. Sie ist in einer Beziehung und somit wächst ihr Ansehen. Sie gilt als "normal".
Während man Shihara unaufhörlich verprügeln möchte, weil er der Inbegriff eines Paschas ist, der Keiko gar als menschlichen Abfall bezeichnet, möchte man Keiko eine runterhauen und sie fragen, wieso sie sich das gefallen lässt.
Shihara fordert, dass sie ihren Job kündigt und sich nach einer richtigen Arbeit umsieht, die besser bezahlt wird. Schliesslich muss sie ihn mitfinanzieren.
Wunder geschehen und so bekommt sie einen Termin zu einem Vorstellungsgespräch, was Shihara organisiert hat. Auf dem Weg dahin machen sie einen Zwischenstopp in einem Konbini, in dem Keiko ein Schlüsselerlebnis hat und ihr Leben schlagartig ändert. Sie erkennt nun, wozu sie bestimmt ist.

"Ich bin wirtschaftlich nicht tragbar!"
– Michael Douglas (Falling Down)

Die Autorin

Sayaka Murata, Jahrgang 1979 kommt aus Chiba und arbeitet selbst in einem Konbini. Für "Die Ladenhüterin" wurde sie 2016 mit dem Akutagawapreis ausgezeichnet, dem renomiertesten Literaturpreis Japans.


Spoiler - Gedankenstütze für mich

Wundervoll, wenn Keiko zu Shihara sagt: "Für mich, als Konbini-Angestellte, bist du völlig überflüssig."
Shihara ist ausser sich vor Wut, brüllt ihr noch was nach und verschwindet. Keiko will ihr Leben als Konbini-Angestellte wieder aufnehmen, denn an jenem Ort ist sie glücklich und wird gebraucht.