Sonntag, 22. Oktober 2017

Patrick Senécal - 5150 Das Haus des Wahnsinns

Meine Wertung: ★★★★★ 5/5

Autor: Patrick Senécal
Übersetzer: Alexander Rösch

Titel: 5150 Das Haus des Wahnsinns

OT: 5150, rue des Ormes '94

Verlag: FESTA

ISBN: 9783865523518

Deutsche Erstausgabe März '15

Seiten: 377

Einband: Taschenbuch

Genre: Thriller

Dazu passt:



"Verrückt.
So ein triviales Wort, oft beiläufig benutzt
und ohne nachzudenken."
– Yannick Bérubé

Genau wie 7 Tage der Rache wurde auch 5150, rue des Ormes bereits verfilmt und auch hier hatte ich erst den Film gesehen und erst Jahre später das Buch gelesen.
Den Film fand ich nicht wahnsinnig gut. Es handelt sich dabei um einen dieser real life horror, die man einmal schaut und dann vergisst... zumindest, bis man zufällig über ein Buch stolpert, dessen Titel einem bekannt vorkommt und bei dem man, während dem Lesen des Klappentextes weiss, man hat da mal einen Film gesehen.

Wieso man dem Film sowohl in den USA als auch hierzulande den Titel 5150 Elm's Way gegeben hat, ist mir ein Rätsel. Verträgt der Mensch denn wirklich so wenig Französisch? Aber dazu mehr in meinem kommenden Beitrag Buch VS. Film.

Liebe Leser, macht Euch auf eine ausführlichere Rezension gefasst. Zu diesem Buch gibt es viel zu sagen. 😊


"Die Katze verschwand unter dem
Maschendrahtzaun. Wenn es mir je
gelingen sollte, diesem Albtraum
zu entkommen, setze ich eine Belohnung
in Höhe von 1000 Dollar für denjenigen aus,
der mir ihre gehäutete Leiche bringt.
Nein, streichen wir das - er kann sie mir
ruhig lebend bringen.
Ich werde sie selber häuten!"
– Yannick Bérubé

Erst hatte ich 4/5 ★ gegeben, besann mich dann aber eines Besseren. Ein Buch, das derart spannend ist (nicht durchgehend), dass man in der Tram (jawoll, Tram hat sowohl Genus feminin als auch neutral) sitzt und die Haltestelle verpasst (gut, dass liegt auch an meiner neuen Errungenschaft, den BOSE QuietComfort 35 Kopfhörern) und sich dann zu Fuss - aber noch immer lesend, durchs Herbstlaub auf zum Ziel macht, das hat einfach 5 Sterne verdient! Findet Ihr nicht?

Ja es war tatsächlich so. Auf Anraten meiner Reisegenossin habe ich mir dann doch noch die Bose QuietComfort 35 gekauft. Ich hatte sie zum ersten Mal aufgesetzt und war überwältigt. Sie schliessen die Aussenwelt völlig aus. Ich denke, ich sollte ihnen einen Blogeintrag widmen...
Jedenfalls hörte ich die Ansage der nächsten Haltestelle nicht und war ohnehin zu sehr mit Yannick beschäftigt. An der nächsten Haltestelle stieg ich dann aus und ging lesend durchs Herbstlaub. Menschen haben mich irritiert angeschaut. Was soll's. Es war zu spannend! Und ganz ehrlich, ob ich jetzt durch die Strassen wandle, wie ein verfluchter Zombie, mit gesenktem Kopf auf das Display meines Smartphones starrend oder ob ich aufrechten Ganges schreite, das Buch vorm Gesicht - ohne einen quasimodoischen Buckel heran zu züchten... Wo ist der Unterschied?



In einem Satz

Junge stürzt vom Fahrrad (Helvetismus: das Velo), sucht Hilfe bei einer geisteskranken Familie und verfällt in deren Gefangenschaft selbst dem Wahnsinn (um eine Schachpartie).

Empfehle ich dieses Buch? Wieso?

Ja!
Genau wie in 7 Tage der Rache sind auch hier die Figuren so lebensecht geschildert, dass man sie manchmal zur Vernunft prügeln möchte. Genau wie im richtigen Leben.
Senécal, der französische Stephen King genannt, verschwendet keine Zeilen um eine Idylle zu schildern, wie das etwa unser aller König des Horrors Stephen King auf den ersten 250 Seiten zu tun pflegt. Bei Senécal gehts gleich auf Seite 19 zur Sache. Er ist nicht übertrieben sadistisch, wie ZU VIELE andere im FESTA verlegte Autoren, schreckt aber vor Folter und Schmerz nicht zurück - jedoch in "humanem" Masse. Jacques Beaulieu, der Vater der gestörten Familie, sagt selbst immer wieder "Keine unnötige Gewalt.". Daran hält sich auch der Autor. Abgesehen von der Tochter Michele wird im ganzen Buch keine übertriebene Gewalt angewendet - nur immer so viel, wie eben notwendig ist. Jacques hält sich für eine Art Krieger im Kampf für die Gerechtigkeit. Er tötet nur ungerechte Menschen. Dies ist in seinen Augen eine gerechte Tat, weil er so die Welt säubert.

"Keine unnötige Gewalt!"
– Jacques Beaulieu

Auch wenn man den Film kennt, liest sich das Buch spannend - da der Film leicht davon abweicht. Die Spannung ist von A-Z vorhanden und man mag es vor allem gegen den Schluss nicht mehr aus der Hand legen.
Andererseits hinterfragt man bspw. die gottesfürchtige und für's heutige Zeitalter ZU fromme Mutter Maude. Bei der kleinen (gestörten?) Anne, die nie spricht, dafür mit ihren schwarzen Augen umso mehr starrt, schwankt man zwischen Mitleid und Unwohlsein.
Obschon wunderbar beschrieben wird, wie Yannick zunehmend dem Wahn verfällt und man das ein Stückweit nachvollziehen kann, beäugt man gewisse Handlungen voller Unverständnis. Wie kann er nur? Doch der Autor hat sich dabei etwas überlegt.
Senécal: BRAVO!

▶︎ Wenn Du, lieber Leser, eher auf Bücher von bspw. James Wrath stehst oder auf jene abartigen von Lee, dann bist Du bei Senécal falsch.

Gedanken zur Übersetzung

Das französische Original habe ich nicht gelesen - zu schlecht sind da meine Französischkenntnisse. Jedoch kam nicht umhin mich zu fragen, ob Senécal wirklich geschrieben hat, Yannick würde dem Fänger der Katze 1'000 DOLLAR bezahlen. Waren da vielleicht nicht eher von FRANCS die Rede? Wenn ja, wieso schreibt man in einer deutschen Übersetzung dann Dollar? 
Es steht zwar schon geschrieben, dass es sich um eine Übersetzung aus dem Französischen handelt, aber dennoch irgendwie schräg, nicht? 

Seite 10: "(...) am Freitag, den 20. September 1991."
Am (am = an dem) fordert den Dativ. "Dem" ist eine Apposition, mit der präzisiert wird, um welchen Freitag es sich handelt, wobei sich diese auf den vorigen Kasus, also den Dativ bezieht. Folglich müsste es heissen: am Freitag, dem 20. September 1991.
Will man den Akkusativ verwenden, so muss die temporale Präposition "am" weggelassen werden, wodurch dann auch die Apposition im Akkusativ steht:
Freitag, den 20. September 1991.
Beim Satz im Buch, wird "am Freitag" im Dativ mit einer Apposition im Akkusativ vermischt und ist somit inkongruent. 

Spoiler - Gedankenstütze für mich

Yannick stürzt aufgrund einer aus dem Nichts kommenden Katze vom Rad. Da er zu den Menschen gehört, die sich beim Versuch einen Nagel einzuschlagen gleich 3 Finger brechen, beschliesst er, lieber ein Taxi zu rufen, das ihn und das defekte Fahrrad nach hause bringt. Er klingelt beim Haus mit der Nummer 5150 in der rue des Ormes, bei der Familie Beaulieu, in deren Einfahrt ein Taxi steht. 
Er wird ins Haus gelassen, um zu telefonieren und hört aus dem 1. Stock ein Stöhnen. Dummerweise geht er nach Oben und stösst die Tür zum grünen Raum (CUBE) auf, wo er einen Jungen in einer Blutlache auf dem Boden liegen sieht. Er denkt sich, dass er abhauen muss - doch es ist zu spät. 

Als Jacques erstmals mit Yannick spricht, kamen mir die Tränen vor lauter Lachen: "Du dachtest, ich will dich töten?", fragte er offenbar ehrlich schockiert. "Wie kommst du denn darauf?" Wie sollte ich das beantworten? Er hatte mich halb bewusstlos geschlagen (...) und wusste nicht, wieso mir solche Gedanken durch den Kopf schossen?
Oder: Es sei zu riskant Yannick gehen zu lassen "Er erklärte es mir mit trauriger Miene."
Wie zynisch Yannick ist und wie irre sich Jacques bereits zu Beginn des Horrors verhält ist einfach köstlich! Brilliant! 

Yannick unternimmt diverse unüberlegte Fluchtversuche und bei jedem möchte man ihm (zusätzlich zu den Schlägen, die er dann ohnehin schon einstecken muss) eine runterhauen! Wie kann man nur so blöd sein? 

Bei den Auszügen aus Maude's Tagebuch fühlt man sich wie Sarah Michelle Gellar in Eiskalte Engel bei der Frage "Mein die das ernst???". 

Maude verhilft Yannick zweimal zur Flucht. Beim ersten Mal bricht er im Eiswasser ein und wird von Jacques gerettet. Beim zweiten Mal kehrt er freiwillig zurück, weil er davon besessen ist, Jacques im Schach zu schlagen. 

Jacques gibt Yannick sein Wort, dass er ihn nicht umbringt, da er ja nichts Böses getan hat. Darüber hinaus sagt er zu ihm, wenn er ihn im Schach besiege, sei er frei, weil Jacques dann mit seiner Theorie falsch liege. Yannick verfällt zunehmend dem Wahnsinn und fixiert nur noch auf den Gedanken, Jacques Theorie zu widerlegen und ihn im Schach zu schlagen. 
Als Yannick dann im Keller das brobdingnagische Schachbrett findet und realisiert, dass die Schachfiguren allesamt aus Leichen bestehen, wird ihm elend und er will wieder fliehen - jedoch will er diesen Wahnsinnigen stoppen. 
Doch dazu kommt es nicht, denn ehe Jacques den entscheidenden Zug bei seinem Leichenschach machen kann, wird er von der kleinen Anne attackiert, die eben realisiert hat, dass ihre Mutter, die sich zuvor erhängt hatte, nun die weisse Königin im Schach ihres Vaters darstellt. Jacques, der das Mädchen ohnehin immer unheimlich gefunden hat und es nie hatte haben wollen, erschiesst sie und zerbricht danach, weil er eine Unschuldige getötet hat. Er war nicht gerecht. Er hat versagt. Die Partie wird nicht zu Ende gespielt. Yannick wird befreit, sagt jedoch keinen Ton. Er will nur wissen, wer gewonnen hätte. Jacques wird es Mordes an x Menschen überführt und kommt in eine Psychiatrie. Die gestörte Michele taucht in Yannick's Elternhaus auf und schneidet ihm die Genitalien heraus und verschwindet wieder auf nimmer wiedersehen. Yannick erliegt den Verletzungen nicht und wird am Ende des Buches Jacques gegenübergestellt. Sie starren sich an. ENDE



Musik während des Blogschreibens: LINKIN PARK - New Divide