Sonntag, 19. Juni 2016

Minette Walters - Der Keller

Meine Wertung: ★★★★★ 5/5

Autor: Minette Walters

Titel: Der Keller

OT: The Cellar, 2015

Verlag: Goldmann

ISBN: 9783442484324

Deutsche Erstausgabe: 2016

Seiten: 3218

Einband: Kartoniert

Genre: Psychothriller

Dazu passt:
Samantha Hayes - Aus tiefster Seele



Von dem Trugschluss, Minette Walters schreibe nur verstaubte englische Krimis, eingenommen, habe ich nie ein Buch von ihr gelesen. 2015 war ich im Orell Füssli am Bellevue, an der Theaterstrasse 8 in Zürich, in der Englisch-Abteilung und sah "The Cellar". Es war das Cover und der Titel, die mich dazu veranlasst hatten, das Buch in die Hand zu nehmen und den Klappentext zu lesen. Ich war auf der Suche nach einem grossformatigen Buch und da Walters ein recht kleines Format hatte, legte ich sie wieder hin. Wollte mir das Buch aber merken, habe es dann aber in der Flut von Büchern wieder vergessen.
In der vergangenen Woche erkundigte ich mich, was für neue Thriller erschienen sind. So hatte ich einen Robotham verpasst, sowie den neuen Ketchum. Die Webseite hat mir dann Minette Walters vorgeschlagen und ich erinnerte mich an letztes Jahr. So schrieb ich die Vertreterin des Goldmann Verlags an, ob sie mir denn ein Leseexemplar zustellen würde.

Es hat genau zwei Tage gedauert und ich war fertig. Ihr kennt das bestimmt alle. Es kommt nicht so oft vor, wie man es gerne hätte, aber hin und wieder stösst man auf ein Buch, das dergestalt raffiniert ist, dass man sich wünscht, es hätte 5000 Seiten oder mehr und man möge nie auf der letzten Seite angelangen. So verhält es sich mit Der Keller von Minette Walters!
Selten liest man einen derart genial durchdachten und spannenden Psychothriller!

Minette Walters schildert die Geschehnisse in diesem Haus, so dass man erst Mitleid mit der kleinen Sklavin Muna hat und man die Familie am liebsten selbst töten würde. Walters gibt sich die grösste Mühe, die Familie verabscheuungswürdig zu zeichnen. Sie zeigt auch die Sitten anderer Länder auf, wenn sie beschreibt, dass Ebuka die Hand gegen die Polizistin erheben wollte und sie angebrüllt hatte. Yetunde und Ebuka fluchen immer wieder über England. Wie schlecht dieses Land sei und dass ihnen in Afrika so etwas nie passiert wäre.
Als Olubayo nicht mehr zur Schule geht und eine Frau der Schulbehörde vor der Tür steht, flucht Ebuka wieder über das System in England und was sie sich eigentlich einbilde, er sei noch nicht einmal englischer Staatsbürger, also habe er sich von ihr nichts sagen zu lassen. Ebuka sieht vor lauter Groll nicht, dass es ihm eigentlich gut geht. Als Ebuka im Rollstuhl sitzt und von Muna gepflegt wird, entdeckt er seine Gefühle für sie. Er realisiert, dass er sie richtig mag und entschuldigt sich für alles, was er ihr angetan hat. In dem Moment möchte man diesen Typen am liebsten foltern. Er glaubt wirklich, Muna könne ihm das alles verzeihen, nur weil er ein paar Worte der Reue ausspricht.

Kurz und bündig

Ein genial durchdachter Psychothriller mit einer Heldin, die man einfach lieb haben muss. Durchwegs spannend und teilweise auch sehr sarkastisch. 
Einige Stellen sind recht brutal geschildert und möglicherweise nichts für schwache Nerven. 

Humor: 3/5
Spannung:  5/5
Brutalität:  3/5

Zum Inhalt

Wir haben die Familie, Songoli, welche ihre Heimat Afrika verlassen hatte, um in England ein neues Leben anzufangen. Die gefrässige Mutter Yetunde, die vom (Fr)Essen und vom Geld nie genug haben kann, der Vater Ebuka, der als einziger arbeiten geht und sich über seine verschwenderische Frau aufregt, den ältesten Sohn Olubayo, der eine Leidenschaft für Pornos hat und den jüngeren Sohn Abiola, der verschwunden ist. Im gleichen Haus lebt auch der Familie Sklavin, Muna, die nach dem Verschwinden von Abiola, als Tochter ausgegeben wird. 
Yetunde hatte in der Zeitung von Muna gelesen und sie mitttels gefälschten Papieren aus dem Waisenhaus geholt. Im Haus der Songolis bewohnte sie den finsteren Keller, in dem sie regelmässig von Ebuka missbraucht und überhaupt von der ganzen Familie misshandelt wurde. 
Nach Abiolas Verschwinden durfte Muna ein Zimmer im ersten Stock beziehen und bekam erstmals schöne Kleidung, da die Polizei permanent im Haus war und niemand Verdacht schöpfen sollte. 
Yetunde hielt Muna für geistig zurückgeblieben und hätte nicht zu träumen gewagt, dass das Mädchen Englisch spricht und versteht. Yetunde ging davon aus, Muna verstehe nur Haussa. Natürlich hatte sie das Mädchen gründlich eingeschüchtert, ehe die Dolmetscherin der Polizei sie zu Abiolas Verschwinden befragen konnte. 
Die Polizistin ahnt, dass irgendetwas nicht stimmt... 
Kurz nach Abiolas Verschwinden hat Ebuka einen Unfall. Er stürzt die Kellertreppe hinunter und erleidet derart schwere Verletzungen, dass er nun an den Rollstuhl gefesselt bleibt. Yetunde beschimpft ihren Mann als Krüppel und kann nicht mit "dieser Schande" leben. Sie setzt sich mit ihrem Anwalt zusammen und hofft auf viel Geld. Sie kümmert sich nicht um ihren Mann, sondern überlässt Muna dessen Pflege. Ebuka realisiert, dass seine Frau sich von ihm abwendet und eigentlich hoffte, er wäre beim Unfall gestorben... 
Die Beziehung des Ehepaares Songoli wird durch Muna mehr und mehr vergiftet, bis sie sich nur noch streiten und Yetunde spurlos verschwindet. Ihre schönen Kleider und ihr Schmuck sind weg. So auch ein Reisekoffer und ihr Pass. Natürlich hat sie auch die Kreditkarten mitgenommen. 
Olubayo, durch seine Mutter vergiftet, hat keine Achtung mehr vor seinem Vater und macht sich über diesen lustig. Er gibt, wie Yetunde, ihm die Schuld an ihrem Elend. Als er glaubt, mit Muna allein im Haus zu sein, will er sie vergewaltigen, wird dann aber von seinem Vater mit einem Stock geschlagen und davon abgehalten. Olubayo wirft seinem Vater vor, er tue nur, was er selbst so oft mit der Sklavin gemacht habe. Es kommt zu einem riesigen Streit, nachdem auch Olubayo verschwindet. Auch in seinem Zimmer fehlen Kleidung und auch sein Reisepass ist weg. Für Ebuka steht fest, dass er mit seiner Mutter zurück nach Afrika gegangen ist. Seit Muna ihn pflegt, hat er gerne bekommen und sich bei ihr für seine Schandtaten entschuldigt. Er glaubt wirklich, sie habe ihm vergeben. 
Zwischenzeitlich hat Muna in der älteren Nachbarin Mrs. Hughes eine Freundin gefunden. Mrs. Hughes, eine ehemalige Lehrerin, glaubt, dass Muna misshandelt worden ist und da ihre Haut so viel heller ist, als die vom Rest der Familie, kann und will sie nicht glauben, dass Muna wirklich die Tochter von Yetunde und Ebuka ist. Ausserdem hat sie das Mädchen in den ganzen 6 Jahren, in denen sie nun Nachbarn sind nie gesehen. Nie wirklich. Höchstens mal eine Gestalt an einem Fenster. 

-Spoiler-
Die Songolis hielten Muna für dumm und hätten nie geahnt, wozu dieses Mädchen im Stande ist. Es war Muna, die Abiola in den Keller gelockt und ihn dort hat ersticken lassen. Auch war es Muna, die Yetunde mit einem Hammer bearbeitet und die Kellertreppe hinunter gestossen hatte. Schliesslich hat sie auch Yetunde gezwungen, in den geheimen Raum zu kriechen, in dem Yetunde, nachdem sie ihren toten Sohn Abiola gesehen hatte, erstickt ist. Auch Olubayo hat sein Leben im Keller gelassen. Muna hatte alles perfekt geplant. Eine kleine Psychopathin, mit der man sich über ihren Triumph freut. ^_^

Abschliessend ist zu sagen: "Wer selbst misshandelt wurde, wird später auch misshandeln."

Würde ich noch als Filialmitarbeiterin in einer Buchhandlung tätig sein, würde ich Walters gleich im Stapel bestellen, und in der Bestsellerwand platzieren. Verdient hat es dieses Buch! 


Ein riesiges Dankeschön an die Vertreterin des Goldmann Verlags, für die Zusendung des Leseexemplars und das Ermöglichen rund 6 amüsanter und spannender Lesestunden.