Sonntag, 12. September 2004

Dezso Kosztolanyi - Ein Held seiner Zeit

Meine Wertung:
★★★★★ 5/5

Autor: Dezso Kosztolànyi

Titel: Ein Held seiner Zeit, 2004

OT: Esti Kornél, 1933

Verlag: Rowohlt Berlin

ISBN: 978-3-87134-489-X

Deutsche Erstausgabe 07/04

Seiten: 269

Einband: Gebunden

Genre: Lebensroman, Unterhaltung

Ähnliche Titel:
-

Der Titel sagt bereits alles Wesentliche über dieses Buch aus, ist es doch, wie der Protagonist selbst, ein Held seiner (und auch unserer) Zeit! Selten bildeten Sprache, Humor und Inhalt eine so faszinierende Geschichte. Um den Inhalt etwas näher zu bringen, habe ich mir erlaubt, ein paar Auszüge abzuschreiben. Das Buch beschreibt einige Lebensabschnitte des Studenten Kornél Esti, der mit teilweise recht finsteren Gedanken durch Budapest und co streift.

Auszug aus dem 3. Kapitel, in welchem er im Jahr 1903, unmittelbar nach dem Abitur, nachts in der Eisenbahn zum ersten Mal von einem Mädchen auf den Mund geküsst wird

"Also waren sie aus dem fahrenden Zug gesprungen, und jetzt lagen sie auf dem Schotter des Bahndamms, sterbend, mit offenem Schädel, aus dem langsam der Saft sickerte, oder sie setzten ihre Reise in die Räder verwickelt fort und begleiteten ihn als verstümmelte Leichen. Schrecklich."

Auszug aus dem 4. Kapitel,  in welchem er mit seinem alten Freund einen Ausflug macht in die "Ehrliche Stadt"

"Lieber Herr Doktor", klagte ich, "ich bin ein bisschen erkältet, ich habe den Schnupfen."
"Den Schnupfen?" rief der Arzt erschrocken und zog sich rückwärts in die entlegenste Ecke des Zimmers zurück, während er sich ein Taschentuch vor den Mund hielt. "Dann bitte ich Sie, den Kopf abzuwenden, denn Sie könnten mich auch von dort, über fünf Meter hinweg anstecken. Ich habe Kinder."
"Sie untersuchen mich gar nicht?"
"Wozu denn. Gegen Schnupfen gibt es keine Medizin. Es ist eine unheilbare Krankheit. Wie Krebs."
"Soll ich nicht schwitzen?"
"Schwitzen Sie halt. Aber das wird auch nichts nützen. Unsere wissenschaftliche Erfahrung sieht im allgemeinen so aus, dass der Schnupfen bis zwei Monate dauern kann, wenn wir ihn behandeln. Wenn wir ihn nicht behandeln, kann er am folgenden Tag weg sein."

Auszug aus dem 11. Kapitel, in welchem vom vornehmsten Hotel der Welt die Rede ist

(...) dann die schauderhaften, verwunschenen, tödlichen Hotels, in denen es sich empfiehlt, an Novemberabenden Selbstmord zu begehen. Es gibt fröhliche Hotels, in denen die Wasserhähne lachen. Es gibt abweisende, feierliche, stumme Hotels, geschwätzige Hotels, Saufbrüder-Hotels, muntere Hotels, (...) herrschaftliche Hotels mit der edlen Patina der Vergangenheit, (...) gesunde Hotels, in denen sogar von den Abflussrinnen her Licht kommt, und kranke Hotels, in denen der Tisch lahmt, der Stuhl hinkt, der Schrank an Krücken geht, der Diwan lungenkrank ist, die Kissen sterbend auf dem Bett liegen. Also sehr viele verschiedenartige Hotels gibt es.